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Hackelhöf      Haklovy Dvory

Besprechung des Aufsatzes von Frantisek Bosak

Herr Bosak verwendet in seinem Aufsatz des klassischen Schwarz-Weiß-Stil. Die Rollen der Guten und der Bösen sind klar verteilt. Die Guten waren schon immer gut und die Bösen waren es ebenfalls schon von Anfang an, sogar als sie noch Österreicher waren; und trotz ihrer bösen Absichten haben die Guten es immer wieder geschafft ihre Pläne zu durchkreuzen.
So werden auch nur die guten Menschen ausführlich geschildert und die bösen Menschen sind Schablonen, die marionettenhaft ihre Taten in Sitzungen und Briefen vollziehen. Das Entstehungsjahr des Aufsatzes (1964) erklärt einige der Inhalte. Damals herrschte in der Tschechoslowakei die Diktatur und in der Weltpolitik der Kalte Krieg. Es darf als gesichert angesehen werden, daß zumindest dieser Historiker davon nicht unberührt blieb. Einerseits durfte er wohl seine freie Meinung nicht äußern, aber auf der anderen Seite gibt es auch Gründe anzunehmen, daß der Ton des Aufsatzes seine private Meinung trifft.

Trotz dieser Umstände, die vieles entschuldigen, ist es jedoch gerechtfertigt einige Kritiken anzubringen. Ob die in dem Aufsatz vorhandene Polemik typisch für tschechische Aufsätze dieser Epoche ist, kann aufgrund des wenigen mir zur Verfügung stehenden Materials nicht gesagt werden. Normalerweise haben Historiker die Aufgabe, sachlich und emotionslos historische Gegebenheiten aufzuarbeiten. Ich werde im Verlauf zeigen, daß Herr Bosak durch die Aufgabe dieses Grundsatzes einige Fehler begangen hat, welche seinen ansonsten gut recherchierten Aufsatz qualitativ mindern.

Der Aufsatz ist der Germanisierungspolitik zwischen 1939 und 1945 in den südböhmischen Schulen während der deutschen Besetzung gewidmet. Die Brutalität des Besatzungsregimes und die Nöte der Eltern werden ausführlich geschildert. Umfangreiche Statistiken und Zitate aus hirnlosen deutschen Urteilsbegründungen runden das Bild der damaligen Zeit ab. Verschiedene Haßausbrüche auf tschechischer Seite nach dem 08. Mai 1945 werden dadurch verständlicher. Soviel zu den anerkennenswerten Seiten des Aufsatzes.
Neben der bereits genannten Kritik bezüglich des Schreibstiles - welcher sich aus dem Zeitgeist von 1964 noch einigermaßen entschuldigen läßt - gibt es auch schwerwiegende Kritik an der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Themas.

Als negativ für den Aufsatz ist zu bewerten, daß die geplante Germanisierung als Titel verwendet wurde. Diese Absichten hätte man problemlos mit ein oder zwei Dokumenten aus dem Archiv des Reichsprotektors belegen können. So mußte Herr Bosak die Beweise auf mehrere Stellen des Aufsatzes verteilen um ihn in die Länge zu ziehen. Die Beweise beziehen sich auf das Grundsatzprogramm der Henlein-Partei, die Briefe des Schulinspektors Franz Oppelt bezüglich der Freistellung von Lehrern vom Wehrdienst und die Bittbriefe der tschechischen Eltern an ihn. Einerseits will Herr Bosak nicht über die deutschen Lehrer schreiben, muß aber immer wieder auf das Thema zurückkommen, Namen und politische Tätigkeiten nennen. Eine bessere Überschrift wäre “Die deutsche Schulpolitik in Südböhmen 1939 bis 1945 “ gewesen. Hier hätte man die Planungen, die Schulgründungen und auch die genauen Hintergründe der Zwangseinweisungen tschechischer Schulkinder für deutsche Schulen besser aufarbeiten können. Herr Bosak hätte es so vermieden, Themaabschweifungen vorzunehmen wie z.B. die Aussetzung des Wehrdienstes für Lehrer und ihre “Nebentätigkeit” als Ortsgruppenleiter der NSDAP (siehe Schweinitz bei Budweis)
Die genauen politischen Hintergründe der deutschen Schulpolitik in Südböhmen werden kaum beleuchtet, sie verschwinden im Topf der Germanisierung. Unklar ist z.B. wer Treiber und wer der Getriebene war. Hatte der deutsche Schulinspektor Vorgaben aus Prag zu erfüllen oder war er mit Handlungsfreiheit ausgestattet? Bekam er seine Anweisungen vom Oberlandrat oder brauchte er den Oberlandrat nur als Genehmigungsinstanz? Das beantwortet Herr Bosak nicht.

Am Anfang spielt sich das Geschehen zwischen dem Schulinspektor Oppelt und dem Oberlandrat ab. Später erscheint dann ein Kreishauptmann Strobl, der sich auch plötzlich für die Schulpolitik zuständig fühlt und mit der SS Kontakt aufnimmt. Warum, wieso, weshalb? Haben die Zuständigkeiten plötzlich gewechselt? Alles bleibt offen. Es wird nicht einmal das vollständige Dokument zitiert, das Strobl über sein arrangiertes Treffen aus hochrangigen Mitgliedern der SS und der deutschen Verwaltung, die teilweise extra von Prag angereist sind, verfaßt hat. Offen bleiben die genauen Hintergründe des fatalen Beschlusses der zwangsweisen Eindeutschung tschechischer Kinder. Wir wissen nicht, was die Teilnehmer im einzelnen bewegt hat, wer dafür oder dagegen war, evtl. Bedenken hatte oder von den anderen überredet werden mußte usw. Auch wäre es sinnvoll gewesen in einem Archiv in Prag nach einem äquivalenten Dokument der Beamten des Reichsprotektors zu suchen. So wie Strobl haben sie doch sicherlich - in typischer Beamtenmanier - auch ein Protokoll für ihre Vorgesetzen verfaßt. Gab es darin Unterschiede in der Beurteilung?
So wird dem Leser wieder nur ein Schwarz-Weiß-Bild geliefert, in der die Deutschen sich konspirativ treffen und die Germanisierung der Tschechen besprechen. Von einem Historiker wird eigentlich erwartet, daß er nicht nur darüber berichtet was für Entscheidungen getroffen wurden sondern auch die Hintergründe erhellt, wie man zu dieser Entscheidung kam. Das Aufhellen von Hintergründen, die Darstellung der Motive einzelner Personen erfordert von Historikern manchmal die Rolle eines “advocatus diaboli”. Sie mag schwer sein, aber nur sie liefert wertvolle Erkenntnisse. Herr Bosak hat leider nicht einmal ansatzweise versucht, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Herr Bosak vermindert die ansonsten gute Qualität seines Aufsatzes schlagartig dadurch, daß er aus wenigen zitierten Dokumenten verzweifelter Eltern einen allgemeinen “Volkswiderstand” konstruiert, der sich bei selbst bei gutmütigster Betrachtung jedenfalls nicht aus den genannten Briefen nachvollziehen läßt. Man kann nur sagen, daß diese Eltern Widerstand geleistet haben. Wieviele andere es noch gab, evtl. sogar im Verhältnis zu allen tschechischen Eltern, wird nicht dargestellt. Die sicherlich vorhandenen Mitläufer und sonstige Personen, die aus materiellen Gründen ihre Kinder auf deutsche Schulen sandten, werden unterschlagen, sie passen nicht in das Weltbild.

Der briefliche Versand der Ausweise über die deutsche Staatsbürgerschaft an die tschechischen Kinder wird als Folge des Widerstandes hingestellt, ohne dies näher zu begründen. Der Autor versäumt es zu untersuchen, inwieweit der briefliche Versand eine effiziente Maßnahme der Verwaltung war, die zum gewünschten Ziel führte. Ebenfalls versäumt Herr Bosak es zu erklären, warum es in einer Diktatur sinnvoll sein sollte, verbitterte und verzweifelte Menschen an einem Ort zu versammeln um ihnen dann in einer feierlichen Zeremonie die Ursache der Verbitterung und Verzweiflung zu übergeben! Man kann den Nazis sicherlich viel vorwerfen, aber gewiß nicht Dummheit. Durch den Versand als Brief blieb die Verzweiflung punktuell und aufgrund des Versammlungsverbotes beherrschbar. Für eine Diktatur also eine ideale Vorgehensweise, zu der sie sicherlich nicht extra durch einen Volkswiderstand gezwungen wurde. Hätte eine Diktatur keine Angst vor Menschenansammlungen wäre es nämlich keine Diktatur.

Die rechtliche Grundlage der deutschen Schulgründungen, die Gesetze Z. 189 vom 03.04.1919 mit der Novelle vom 09.04.1920 Z. 295 der tschechoslowakischen Republik werden trotz ihrer offensichtlichen Bedeutung für das deutsche Schulwesen im Protektorat nur am Rande als “Geschwätz” erwähnt. Nicht eingegangen wird auf die interessante Frage, warum die Nazis von diesem Gesetz so begeistert waren. Es wird auch nicht der Text veröffentlicht, um ihn zu analysieren. Statt dessen wird nur erwähnt, daß sich die Nazis im Endeffekt nicht an das Gesetz hielten. Daß eine Diktatur Gesetze nur solange befolgt, wie sie ihr nützlich erscheinen, ist nichts besonderes. Sicherlich hätte Herr Bosak einige aktuelle Beispiele im Jahr 1964 in der Tschechoslowakei gefunden. Aber natürlich konnte er darüber nicht schreiben. Jedenfalls erscheint es vom wissenschaftlichen Standpunkt her als fatal, daß das juristische Fundament der deutschen Schulgründungen, auch wenn das Gesetz nur als Vorwand genutzt wurde, nicht untersucht wird. Stattdessen beschäftigt sich der Autor über einen ganzen Absatz mit dem relativ unwichtigen Thema der Bittbriefe des Schulinspektors zur Befreiung einiger seiner Lehrer vom Wehrdienst.

Die von Herrn Bosak nur nebenbei erwähnte Tatsache, daß 5 Schüler in Duben mit dem Namen Nikolussi 1943 wegen schlechter Kenntnisse der deutschen Sprache ein Schuljahr freiwillig wiederholten, ist sehr interessant. Der Name Nikolussi findet sich überaus häufig in der Südtiroler Gemeinde Lusern. Auch die von Herrn Bosak genannten Vornamen deuten auf Südtirol hin. Daß Südtiroler nur schlecht Deutsch können erscheint nur auf den ersten Blick unrealistisch. Sie kamen zwar freiwillig aus ihrer Heimat (wenn auch gelockt mit vielen falschen Versprechungen), hatten dort aber auch unter Repressalien zu leiden. Auch Mussolini wollte die deutsche Minderheit los werden. Ein gutes Mittel dazu war auch für ihn die Schulpolitik, nämlich die Schließung deutscher Schulen. Die Kinder Nikolussi sprachen möglicherweise nur ihren zimbrischen Dialekt (verwandt mit südbayerischen Dialekten), konnten aber die deutsche Hochsprache nicht in Wort und Schrift weil sie in Südtirol keine ordentliche deutsche Schule besuchen durften. Auch wenn sich an der Grundaussage des Aufsatzes von Herrn Bosak nichts ändert, wäre es sinnvoll gewesen zu ermitteln, wieviele der Kinder mit mangelhaften Kenntnissen der deutschen (Hoch)Sprache aus Südtirol stammten. Für Duben bedeutet dies immerhin, daß 5 der 11 Kinder welche nach den Recherchen des Herrn Bosak schlechte Deutschkenntnisse haben, aus Südtirol stammen. Also beinahe 50 %. Das ist schlecht recherchiert, Herr Bosak!

Nur am Rande möchte ich eingehen auf die Ereignisse vor 1939 und der auch nicht immer fairen tschechoslowakischen Schulpolitik gegenüber der deutschen Minderheit. Daß man für wenige Schüler der eigenen Ethnie einen Schulpalast baut und die Schule der anderen Ethnie mit vielen Schülern schließt, ist keine Erfindung der deutschen Besatzungsmacht. Sicherlich konnte der deutsche Schulinspektor Franz Oppelt auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. (Was seine Taten selbstverständlich nicht (!) entschuldigt)

Insgesamt gesehen leidet der Aufsatz unter der fatalen Mischung aus guter und weniger guter Recherchearbeit und emotional bedingten Unsachlichkeiten, die einem Historiker eigentlich nicht passieren dürfen. Einerseits werden - soweit sie das Thema unterstützen - umfangreiche und gute Statistiken abgeliefert. Auf der anderen Seite sollen wenige Beispiele ausreichen um eine Behauptung des Autors zu beweisen. Das ist eine unsorgfältige Arbeitsweise. Es ist schade um diesen Aufsatz. Was hätte man für eine gute Arbeit abliefern können.
 

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