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Hackelhöf      Haklovy Dvory

Bericht 1 aus dem Jahr 2006:

Ich wurde 1923 geboren in dem Ort Mies bei Pilsen. Mein Vater war dort der stellvertretende Direktor bei der Braunkohle, bis ihn die Tschechen entlassen haben. Mir wurde gesagt, daß er entlassen worden sei, weil man keine deutschsprachigen Führungskräfte mehr haben wollte. Mein Vater hatte ein abgeschlossenes Jurastudium und verdiente deshalb als Rechtsanwalt Geld für unsere Familie, welche außer mir noch aus 2 Schwestern und meinen älteren Bruder bestand. Mein Vater führte damals immer Prozesse für die Bauern in der Umgebung. Damals hatten die Menschen zwar kaum Geld, aber die Bauern hatten Nahrungsmittel. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir immer mit Rucksäcken losgezogen sind zu Bauern, die meinem Vater noch den Anwaltslohn schuldig waren. Er wurde dann bezahlt mit Schinken und Würsten, Eiern usw. Auch ich als jüngster mußte damals schon einen kleinen Rucksack tragen. Ich habe damals immer gesagt: „Wir leben aus dem Rucksack“.

Aber reden wir nun darüber, wie ich nach Hackelhöf gekommen bin. In Mies gab es einen Verein, den Namen habe ich leider vergessen, der sich für deutsche Schulen eingesetzt hat. Der Vorsitzende in Mies war ein Herr Nagel. Der hat meinem Vater erzählt, daß in vielen Orten die deutschen Bewohner mit dem Rücken zur Wand stehen. Ihre Schulen sind aufgrund geringer Schülerzahlen in ständiger Gefahr geschlossen zu werden, während es für die Tschechen kein Problem ist, eine Schule für 5 Kinder zu bauen. Sind die deutschen Schulen einmal geschlossen, dann gibt es für die deutsche Jugend keine Zukunft mehr. Alles würde dann tschechisiert. Der Verein des Herrn Nagel bemühte sich deshalb darum, aus vielen Quellen deutsche Kinder für bedrohte Schulen zu organisieren. Meinen Vater hat das sehr beeindruckt. Vielleicht auch aus seinen Erfahrungen bezüglich seiner Entlassung hat er beschlossen, daß ich als jüngster Sohn fortgehen soll um anderen Deutschen dadurch zu helfen, daß ich deren Schule besuche. Die erste Klasse hatte ich noch in Mies abgeschlossen. Meine Mutter war sehr gegen meine Abreise aber damals hatte der Vater alles zu bestimmen und sie mußte sich fügen.

In Budweis gab es den gleichen Verein wie in Mies und der dortige Vorsitzender war ein Herr Powischer. Er war in Budweis bei der Eisenbahn beschäftigt und konnte diese deshalb umsonst benutzen. Damals konnte man sich kaum die Fahrkarte von Budweis nach Mies leisten. Herr Powischer ist dann nach Mies gefahren und hat mich abgeholt. In Budweis am Bahnhof wartete dann schon der Bauer Humler aus Hackelhöf mit einer Pferdekutsche. Bei seiner Familie sollte ich leben und dort zur Schule gehen, so war das ausgemacht zwischen meinem Vater und dem Verein. Ich kleiner Kerl wollte auf die Kutsche klettern, habe es aber nicht geschafft. Da hat der Bauer Humler mich einfach lachend mit einer Hand am Kragen gepackt und auf die Kutsche gehoben. Das war ca. 1930. Den Herrn Powischer habe ich immer wieder in den folgenden Jahren in Hackelhöf gesehen. Er hat den deutschen Bauern geholfen, in dem er ihnen seine Dreschmaschine für die Ernte geliehen hat. Besonders daran konnte ich mich noch erinnern, denn die Maschine machte einen großen Lärm. Auch nach mir hat er sich immer erkundigt. Herr Powischer war auch immer lustig, ein sympathischer Mensch.

In Hackelhöf bestand die deutsche Schule aus nur einer Klasse, d.h. alle Jahrgänge saßen in einem Raum. Die jungen Schüler mußten immer vorn sitzen und die großen Kinder der Abschlußklasse saßen hinten. Das waren die Chefs und wir mußten ihnen gehorchen. Der Lehrer kam immer mit dem Fahrrad und einmal in der Woche kam der Pfarrer für den katholischen Religionsunterricht. Der ist immer von Vierhöf nach Hackelhöf gelaufen. Wir haben natürlich auch immer Unsinn gemacht, z.B. dem Lehrer die Luft aus den Reifen gelassen oder ihm bei großer Wut auch einmal mit einem Messer ein Loch in den Reifen gestochen. Der Pfarrer hatte immer die Angewohnheit, auf den Ofen im Klassenzimmer eine Kanne Milch zu stellen, denn er trank immer gern warme Milch. Einmal haben wir ihm drei Knoblauchzehen in die Milch getan. Ja, solche Späße waren das damals. Wir sind nicht immer brave Kinder gewesen.

Neben mir gab es noch 4 oder 5 weitere Kinder, die auch durch Herrn Powischer nach Hackelhöf vermittelt wurden. Bei welchen Bauern die untergebracht waren, habe ich leider vergessen. Ich hatte auch einen direkten Vorgänger, der hieß Emil Kunte. Inzwischen wohnte er in Neuhöf - das gehört zu Hackelhöf und liegt auf der anderen Seite des Teiches -  in einem kleinen Haus mit seiner Familie. Er hatte eine Tschechin geheiratet und Kinder mit ihr. Ich habe mich allerdings immer gefragt, wovon die lebten. Den Emil Kunte habe ich nie in Hackelhöf arbeiten sehen und ich kann auch nicht sagen, ob der in Budweis einen Arbeitsplatz hatte. Seine Frau arbeitete bei verschiedenen Bauern als Magd. Ich blickte bei dieser Familie nicht so ganz durch.

Nach der Schule jedenfalls ging es für mich zurück nach Neuhöf zu den Humlers. Meistens hing an der Küche ein Zettel mit der Information auf welchem Feld sie gerade gearbeitet haben. Auf einem Bauernhof gab es immer viel Arbeit.

Später, als ich die letzte Klasse besuchte, ging es um meine Berufsausbildung. Ich wollte gerne Fleischer werden, aber die alte Oma Humler war der Ansicht, daß ich wegen meiner guten Kenntnisse in Mathematik lieber einen kaufmännischen Beruf ergreifen sollte. Die Familie Humler vermittelte mich nach Budweis zu dem Kaufmann Matthias Binder. Dort begann meiner Lehrzeit. Nach kurzer Zeit durfte ich dort selbständige kleine Aufgaben übernehmen, da Herr Binder von mir überzeugt war.

Das Verhältnis zu den Tschechen war in Hackelhöf eigentlich unkompliziert. Ich habe zwar schon in Mies etwas tschechisch reden gelernt, aber nach einem Jahr in Hackelhöf konnte ich es perfekt. Die Humlers sprachen zwar immer Deutsch mit mir, aber die Knechte und Mägde waren meist Tschechen und wenn man aus dem Bauernhof auf die Straße gegangen ist, sah man fast nur tschechische Kinder in Neuhöf. Mit den tschechischen Kindern habe ich immer Fußball gespielt. Wir verstanden uns gut.

In Budweis war das Klima ganz anders. Als der Hitler sich Österreich einverleibt hat, war die Stimmung sehr aufgeheizt. Am Bahnhof warteten die Tschechen auf die Züge mit den deutschen Arbeitern für die Fabrik Hardmuth. Das waren einfache Leute aus dem Böhmerwald, die in einem Wohnheim bei der Fabrik während der Woche lebten und nur am Wochenende nach Hause zu ihren Familien fahren konnten. Man war damals froh um jede Arbeit, die man kriegen konnte. Die Tschechen haben sich dann mit den deutschen Arbeitern geprügelt um ihre Wut abzulassen. Ich kannte mich in Budweis gut aus und habe einigen Arbeitern geholfen auf Umwegen zu der Firma Hardmuth zu kommen. Es dauerte einige Tage bis die Tschechen sich wieder beruhigt hatten.

Dann kam der Krieg und ich wurde zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Während einiger Fronturlaube habe ich Hackelhöf immer wieder besucht. Wie die Stimmung dort während des Krieges war, kann ich nicht sagen. Wenn ich die Familie Humler besuchte, dann wurde nie über Politik geredet. Damals hat man das überall grundsätzlich vermieden. Ein falsches Wort am falschen Platz und man wurde bei Nacht und Nebel abgeholt und kam selten wieder zurück. Außerdem hatten die damals in Hackelhöf eine hübsche junge Lehrerin, sie hieß Valerie Prökschl. Ich habe mich natürlich mehr für sie als für Politik interessiert.
Nach dem Krieg war ich kurz in Gefangenschaft und habe dann über das Rote Kreuz herausgefunden, wohin die Hackelhöfer Bauern gekommen sind. Ich wohnte dann auch einige Monate dort, bin aber dann später woanders hin gegangen. Die jungen Deutschen aus Hackelhöf kamen mit der neuen Situation besser klar als die alten. Besonders die alten Leute taten mir sehr leid. Ich kannte jeden von ihnen als fleißige Arbeiter auf ihren Feldern. Einem Bauern, der sich Jahrzehnte auf dem Acker abgearbeitet hat, seine Felder wegzunehmen ist etwas, daß man sich heute doch gar nicht mehr vorstellen kann. 

Ich denke jedenfalls auch heute noch gerne an meine Zeit in Hackelhöf zurück. Im Vergleich zu heute war das Leben dort unkompliziert und bestimmt von der Landwirtschaft.

 

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